Denkmal für Onkel Robert

rbhans

Am 20. Januar 2010 ist der 100. Geburtstag meines Onkels Robert Bedürftig.

Der Sockel dieses Denkmals steht auf dem Grab von Heinrich Heine auf dem Friedhof Montmartre in Paris, mit einer Büste des Dichters, versteht sich.

Robert wurde im Juni 1985 in einem Frankfurter Park fotografiert. Wir hatten dort zusammen mit polnischen Freunden ein alternatives “Schlesiertreffen” veranstaltet.

„Onkel Robert“ – so nenne ich für mich immer noch diese Person auf altmodische Art. Als ich noch kein „r“ aussprechen konnte, es aber fleißig üben musste, soll ich dann schließlich „rrr Onkel Hobert“ rausgebracht haben. Dieser Onkel – auch noch mein Patenonkel – war aber im Gegensatz zu anderen Onkels überhaupt nicht onkelhaft, nicht von der Art der Onkels, die kleine Mädchen necken und in die Wange zwicken, („Männer sollen mir erst gar nicht zu nahe kommen, die kann ich sowieso nicht leiden“, soll ich gesagt haben), er war respektvoll und freundlich und deshalb eine Ausnahme – neben meinem Vater, den ich heiß geliebt habe.

Sonst fällt mir noch zu ihm ein: er hat mir seine Freude darüber gezeigt, dass ich mich gern mit Mathematik beschäftige, und mir vor dem Abitur ein bisschen in Physik geholfen Er hat sich bis zum Schluss für mein Leben interessiert, ohne sich je „pädagogisch“ einzumischen. Er hat gefragt, gern und spannend erzählt – und war dabei das Gegenteil von einem Schwätzer. Bei meiner Konfirmationsfeier wurde er nach der blumenreichen und sicher sehr liebevollen Rede meiner väterlichen Großmutter aufgefordert, jetzt auch ein paar Worte zu sagen. „Es gibt Leute, die reden, und Leute, die denken“, hat er geantwortet – ein Affront für die ganze Verwandtschaft (war ja wohl auch ein bisschen  arrogant, dieser Satz),  mich hat er nachhaltig beeindruckt.

Das und noch mehr war Onkel Robert für mich.

Von seinen Erzählungen und den Geschichten über ihn ist mir wichtig: als in seiner Schulzeit männliches Heldentum gepriesen wurde, hat er sich mutig dazu bekannt, feige zu sein. Erst nach dem Krieg hat er der Familie gestanden, dass er in den 30er-Jahren aus dem Büro meines Vaters heimlich ein Taufscheinformular für einen jüdischen Freund entwendet hatte. Dieser Freund hat ihn mit seiner Clara später nach Sao Paulo eingeladen – endlich konnte er eine lange ersehnte Überseereise mit dem Schiff machen! Aber den Aufenthalt in Sao Paulo hat er vorzeitig abgebrochen, weil er den dort so offensichtlichen Kontrast zwischen Reichtum und Armut unerträglich fand.

Ich bin glücklich, dass meine Verbindung zu ihm und seiner Familie, vor allem zu seiner Tochter, meiner lieben Kusine Maria, mein Leben lang hält und sogar immer stärker wird.


Geschrieben von monesommer am 13. Januar 2010
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